Gestern ist das eingetreten, das ich schon seit gut einem Jahr befürchtet habe.
Meine Mutter ist zusammengebrochen und hat die Kontrolle über sich selbst komplett verloren.
Mein Papa rief mich morgens weinend an, dass ich kommen muss, Zuhause wäre alles verwüstet, meine Mutter würde komplett durchdrehen und wäre gar nicht mehr ansprechbar.
Ich hab mich so schnell ich konnte auf den Weg gemacht, meine Tasche gepackt, damit ich die nächsten Tage hier bleiben und auf meine Geschwister aufpassen kann.
Als ich ankam, war meine Mutter bereits auf dem Weg ins Krankenhaus mit einem Krankenwagen.
Mein Papa brach vor mir in Tränen aus und als ich einen Blick in die Wohnung warf, war ich auch erstmal geschockt.
TW (wenn du unter einer Essstörung leidest und in Therapie bist oder versuchst, dich von dem Thema zu distanzieren, dann solltest bitte nicht weiterlesen)
Im Esszimmer war der Boden voll mit Exkrementen, das Badezimmer und die Toilette ebenso, dazu war im Bad alles voll gebrochen, im Wäschekorb lag noch eine vertrocknete Scheibe Brot, in der Küche waren die Schränke auch teilweise voll gebrochen, leere Alkoholflaschen lagen in der Gegend rum, im Wohnzimmer waren überall Essensreste, Tabletten und Erbrochenes verstreut, im Schlafzimmer waren die Bettbezüge auch voll mit Ausscheidungen, im Bett lagen unzählige Lebensmittel, zum Teil geöffnet, zum Teil noch verschlossen und in der ganzen Wohnung klebte der Boden durch sämtliche Ausscheidungen.
Das erste, das ich gemacht habe, war erstmal einen Lappen zu holen und das Bad zu säubern.
Mein Papa versuchte mir zu schildern, was passiert ist, aber er weiß selber nicht genau, was da abgelaufen ist und was sie alles zu sich genommen hat. Er fuhr dann ins Krankenhaus und ich blieb mit meinen Geschwistern hier.
Nachdem ich das Bad geputzt hatte und mich zur Küche vorgearbeitet habe, bin ich erstmal in Tränen ausgebrochen, weil mir bewusst geworden ist, was da alles überhaupt rumlag. Irgendwann kam ich dann auch wieder klar und hab weiter geputzt, die Böden und Teppiche geschrubbt, das Essen wegschmissen, den Kühlschrank ausgemistet etc.
So ging der Tag irgendwie zu Ende, ich sprach noch ein bisschen mit Papa, mein Freund kam vorbei, wir kümmerten uns um die Kleinen und abends fiel ich erschöpft ins Bett und habe kein Auge zu bekommen. Ich habe mich die ganze Nacht hin und her gewälzt und wurde von meinen Gedanken gequält.
Ich hatte schon oft solche Szenarien in meinem Kopf, nur dass die immer damit ausgegangen sind, dass meine Mutter tot im Bad vor der Kloschüssel lag. Ich bin dankbar, dass es nicht so weit gekommen ist, trotzdem bleiben die Bilder im Kopf, die schon so schlimm genug sind und man denkt sich nur, dass es nicht mal so weit hätte kommen dürfen, selbst wenn nochmal alles gut gegangen ist.
Ich werde vielleicht meine Wohnung kündigen und die nächsten Monate zurück zu meiner Mutter ziehen. Ich weiß, dass es keine Lösung ist, weil ich nicht für immer hier bleiben kann und auch mein eigenes Leben mit Uni, Arbeit und Freund habe. Wir hatten geplant, nächstes Jahr zusammen zu ziehen...
Ich weiß nicht, ob es das Richtige ist für einige Monate hierher zu kommen, zu warten, dass sich die Lage etwas beruhigt, dass es meiner Mutter vielleicht ein bisschen besser geht, dass meine Geschwister in einer vernünftigen Umgebung groß werden und dass sie richtig versorgt werden.
Ich weiß es nicht, denn ich kann wie gesagt, nicht für immer bei meiner Mutter bleiben und ihr helfen, aber ich fühle mich dazu verpflichtet, weil es sonst kein anderer tut.
Mein Papa ist ebenso am verzweifeln, er ist körperlich schon so kaputt, psychisch wollen wir gar nicht erst erwähnen, er hat Überlebensängste, weil er auf der Arbeit nichts bekommt und sich tot arbeitet in letzter Zeit und dann muss er sich auch noch um zwei kleine Kinder und seine Frau kümmern.
Was ist das für ein Leben?!
Lieber Gott, kannst du mir sagen, wozu wir das verdient haben?!